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Weihnachtszeit in Island

Die Weihnachtszeit in Island beginnt nicht erst an Heiligabend, sondern baut sich langsam auf wie eine leise, stetig heller werdende Polarlichterspur am Himmel. Schon im späten November tauchen die ersten Lichterketten in den Fenstern auf – klassisch sind siebenarmige Leuchter und kleine, warm leuchtende Sternlampen, die die langen Winternächte freundlicher machen.

 

Ein zentrales Motiv ist das heimelige Handwerk: In vielen Familien gehört das Ausschneiden und Frittieren von laufabrauð, dem hauchdünnen „Laubbrot“, zu den unverzichtbaren Vorbereitungen. Parallel duftet es nach smákökur, den isländischen Weihnachtsplätzchen: Vanillekränze, mürbe Sörur, Pfefferkuchen. Auf dem Herd simmert jólagrautur, ein milchiger Reisbrei, manchmal mit einer versteckten Mandel – wer sie findet, bekommt ein kleines Geschenk. Am Heiligabend selbst stehen traditionelle Hauptgerichte auf dem Tisch: hangikjöt, geräuchertes Lamm, das in dünnen Scheiben mit Erbsenpüree und Kartoffeln serviert wird; hamborgarhryggur, ein saftiger, glasierter Schweinerücken; mancherorts auch rjúpa, die Schneehenne, deren Verzehr starken Heimatduft hat und zugleich Regeln unterliegt. Dazu gehört beinahe immer das Kultgetränk „malt og appelsín“ – Malzbier gemischt mit Orangenlimonade, ein süßes, karamelliges Zeichen, dass Weihnachten da ist.

 

Zur Essens- und Lichtertradition gesellt sich die besondere Erzählkultur des Landes. Die 13 Jólasveinar, die isländischen „Weihnachtskerle“, steigen der Legende nach aus den Bergen herab und besuchen Kinder an den 13 Nächten vor Weihnachten. Jeden Abend stellt man den Schuh aufs Fensterbrett; war man brav, bringt der jeweilige Jólasveinn eine Kleinigkeit, war man es nicht, gibt es eine Kartoffel. Ihre Namen – vom schelmischen Stekkjastaur („Schaf-Schreck“) bis zum Kertasníkir („Kerzenstibitzer“) – verraten ihren Charakter. Über allem wachen die düstere Trollmutter Grýla und der Jólakötturinn, die Weihnachtskatze, die angeblich diejenigen frisst, die an Weihnachten keine neuen Kleidungsstücke tragen. Das klingt derb, erfüllt aber eine soziale Funktion: Früher bedeutete ein neues Kleidungsstück, dass die Familie es trotz harter Zeiten geschafft hatte, alle in Arbeit und warm zu halten. Heute ist es ein augenzwinkernder Anlass, vor den Feiertagen Socken zu verschenken.

 

Ein weiterer, liebgewonnener Brauch ist das jólabókaflóð, die „Weihnachtsbuchflut“: Schon im November erscheint ein Katalog mit Neuerscheinungen, und am 24. Dezember werden Bücher verschenkt. Der perfekte isländische Heiligabend sieht für viele so aus: satt und zufrieden mit Tee oder heißer Schokolade (oder eben malt og appelsín) aufs Sofa sinken und bis in die Nacht im neuen Buch lesen, während draußen der Wind um die Häuser zieht.

Der formale Beginn des Festes ist Aðfangadagur, der Heiligabend. Um 18 Uhr läuten die Glocken – in Reykjavík ist die Hallgrímskirkja ein weithin hörbares Zeichen – und plötzlich wird es stiller. Familien ziehen sich festlich an; der Tag hat Würde. Geschenke werden meist erst nach dem Abendessen geöffnet. Am ersten Weihnachtstag (Jóladagur) bleibt man gerne zu Hause, ruht sich aus, sieht Verwandte. Der zweite Weihnachtsfeiertag (Annar í jólum) gehört dann vermehrt Freunden und längeren Besuchen.

 

Zur Weihnachtszeit gehört in Island aber auch die Außenwelt, so rau sie ist. Der Winter zeigt sich wechselhaft: klar und leise, dann wieder stürmisch, mit Schnee, Regen, Glätte und Wind, der einem die Mütze vom Kopf heben will. Gerade dieser Kontrast macht den Reiz aus. Wer zu Besuch ist, erlebt die besondere Wärme der geothermalen Bäder: Im heißen Pott sitzen, während feine Schneeflocken sachte fallen, gehört zu den Momenten, die sich einbrennen. An klaren Abenden tanzen gelegentlich Nordlichter über dem Himmel – ein grünes Schleiern, das über den Dächern oder am dunklen Strand am besten zur Geltung kommt. Wer in dieser Zeit durch Reykjavík oder Akureyri spaziert, entdeckt kleine Weihnachtsmärkte, Schlittschuhbahnen, gemütliche Cafés mit Zimtschnecken und Kakao, und Schaufenster, in denen die Jólasveinar als Figuren hocken.

 

Weihnachtshaus in der Nähe von Akureyri - hier ist das ganze Jahr Weihnachten
Weihnachtshaus in der Nähe von Akureyri - hier ist das ganze Jahr Weihnachten

Die Weihnachtszeit endet in Island nicht mit dem 26. Dezember. Der eigentliche Schlusspunkt der Saison ist der 6. Januar, Þrettándinn, der Dreikönigstag. Mit ihm verabschieden sich die letzten Jólasveinar zurück in die Berge, oft begleitet von Dorffeuern und kleinen Umzügen, in denen Elfen und Trolle auftreten – eine augenzwinkernde Erinnerung daran, wie tief Mythen und Alltag hier verbunden sind.

 

Wer Weihnachten in Island erlebt, spürt, dass die Insel das Fest nicht „größer“ macht, sondern „näher“. Die Dunkelheit wird nicht verdrängt, sondern behutsam erleuchtet. Die Kälte wird nicht bekämpft, sondern mit Wolle, Suppe und Geschichten beantwortet.

 

Autor: Philipp – Gründer von Dein Island und Autor Reiseführer "Dein Island - 50 Stopps an der Ringstraße" 

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